Volkswagen ist das Unternehmen, an dem sich fast die gesamte deutsche Industriegeschichte des 20. Jahrhunderts ablesen lässt: Gründung durch eine NS-Organisation, Neustart unter britischer Verwaltung, Käfer-Wirtschaftswunder, Golf als Rettung, Dieselskandal und der Umbau zum Elektroautohersteller. Dieser Beitrag fasst die Stationen zusammen. Der Überblick über alle Hersteller steht in der Geschichte der deutschen Autohersteller.
Die Gründung am 28. Mai 1937
Das Unternehmen wurde am 28. Mai 1937 in Berlin von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) gegründet, als „Gesellschaft zur Vorbereitung des Deutschen Volkswagens mbH“. Die Idee eines Autos für alle war älter, Hitler trieb sie ab 1933 politisch voran. Am 22. Juni 1934 erhielt Ferdinand Porsche den Konstruktionsauftrag. Das Lastenheft verlangte einen luftgekühlten Heckmotorwagen für vier Erwachsene, 100 km/h Spitze und einen Preis von höchstens 990 Reichsmark. Porsche war bei Gründung 61 Jahre alt, sein Stuttgarter Konstruktionsbüro bestand seit 1931. Prototypen entstanden 1935 und 1936, 1937 liefen 30 Erprobungsfahrzeuge zusammen rund 2,4 Millionen Kilometer.
Den Grundstein des Werks legte man am 26. Mai 1938, an diesem Tag erhielt das Auto den Namen KdF-Wagen („Kraft durch Freude“). Finanziert wurde das Projekt aus beschlagnahmtem Gewerkschaftsvermögen der DAF und den Einzahlungen der Sparer. Kein ziviler Kunde bekam vor dem Krieg ein Auto.
Die Sparkarte: kein Auto für die Sparer
Ab dem 1. August 1938 konnten Interessenten Sparmarken kaufen, mindestens 5 Reichsmark pro Woche, bis 990 Reichsmark erreicht waren. Rund 336.000 Menschen schlossen Verträge ab, zusammengekommen sind etwa 280 Millionen Reichsmark. Ausgeliefert wurde den Sparern kein Wagen, bis auf wenige Vorführfahrzeuge. Ein Gerichtsverfahren zog sich von 1949 bis 1961 hin und endete mit einem Vergleich.
Das Werk im Krieg
Im Krieg baute das Werk Militärfahrzeuge: den Kübelwagen ab 1940 (etwa 50.000 Stück) und den Schwimmwagen ab 1942 (etwa 14.000). Dokumentiert ist der Einsatz von rund 20.000 Zwangsarbeitern. Volkswagen hat seine Geschichte historisch aufarbeiten lassen: Eine Historikerstudie wurde 1986 in Auftrag gegeben, 1998 richtete das Unternehmen einen humanitären Fonds über 20 Millionen D-Mark ein.
Wolfsburg nach 1945: Ivan Hirst
Die Stadt wurde am 25. Mai 1945 in Wolfsburg umbenannt. Das Werk stand unter britischer Verwaltung, geleitet von Major Ivan Hirst. Im August 1945 kam ein erster Auftrag über 20.000 Fahrzeuge, die Serienproduktion lief am 27. Dezember 1945 an. Bis Jahresende entstanden 55 Wagen, 1946 rund 1.000 im Monat. 1947 gingen die ersten Autos in die Niederlande. Britische und amerikanische Hersteller lehnten eine Übernahme ab: Ein viel zitierter Bericht der Rootes-Gruppe hielt das Auto für ungeeignet. Hirst verließ das Werk 1949 und starb 2000. Ab 1948 leitete Heinrich Nordhoff das Werk.
Die Käferjahre
Am 5. August 1955 lief der millionste Käfer vom Band. Am 17. Februar 1972 überholte er das Ford Modell T. Ein Kassenschlager war der Wagen vor allem in den USA: Die Werbekampagne „Think Small“ von DDB aus dem Jahr 1959 wurde zum Klassiker, im Kino fuhr er in „Herbie“. In den USA wurden 1970 rund 570.000 Käfer verkauft, in diesem einen Jahr. Der Pkw-Bestand in Westdeutschland stieg von 515.608 im Jahr 1950 auf 4,07 Millionen 1960.
Gebaut wurde der Käfer von 1938 bis 2003, in Europa, Amerika und Afrika bzw. Asien. Insgesamt entstanden 21.529.464 Stück, der letzte am 30. Juli 2003 in Puebla, Mexiko. Das ist die längste Bauzeit eines Autos in einer einzigen Generation.
Vom Käfer zum Golf: 1974
Der Ölpreisschock 1973/74 traf Volkswagen mit einem veralteten Programm. 1974 stand ein Verlust von 807 Millionen D-Mark in der Bilanz. Die Rettung kam in Gestalt des Golf, entworfen von Giorgetto Giugiaro und Italdesign. Produktionsstart war am 29. März 1974, im Handel stand er im Mai. Er wog rund 750 Kilogramm und kostete 7.995 D-Mark. Die ersten Motoren hatten 50 und 70 PS (1,1 und 1,5 Liter).
Der Golf wurde der neue Mittelpunkt der Marke. Der millionste Golf lief im Oktober 1976 vom Band. Parallel entstanden Passat (1973), Scirocco (1974) und Polo (1975). In den USA kam der Golf als Rabbit ab 1975 auf den Markt, 1978 eröffnete in New Stanton, Pennsylvania, das erste Werk eines ausländischen Herstellers in den USA. Bis 2024 baute VW rund 37 Millionen Golf. 2025 war der Golf in Deutschland mit 85.023 Neuzulassungen weiterhin das meistverkaufte Auto, 15 Prozent weniger als im Vorjahr, vor dem T-Roc (78.264) und dem Tiguan (63.316).
Die Ära Piëch (1993 bis 2015)
Ferdinand Piëch, Enkel von Ferdinand Porsche, übernahm am 1. Januar 1993 den Vorstandsvorsitz, bis 2002, danach führte er den Aufsichtsrat bis 2015. 1993 schrieb der Konzern einen Verlust von 1,9 Milliarden D-Mark. Unter Piëch wuchs VW mit Zukäufen: 1998 kamen Bentley, Bugatti und Lamborghini hinzu, 2012 Ducati und im selben Jahr Porsche. Der Umsatz stieg von rund 39 Milliarden Euro (76,5 Milliarden D-Mark) auf 202 Milliarden Euro im Jahr 2014. 2012 führte VW die Plattform MQB mit dem Golf VII ein. Wie Porsche in den Konzern kam, erzählt der Beitrag zum Porsche 911.
Dieselskandal: was wirklich passiert ist
Am 18. September 2015 warf die US-Umweltbehörde EPA Volkswagen vor, in rund 482.000 Dieselfahrzeugen eine illegale Software zur Abgasmanipulation einzusetzen, die Stickoxidwerte lagen bis zum 40-Fachen über dem Grenzwert. Am 22. September räumte VW ein, dass weltweit rund elf Millionen Fahrzeuge betroffen sein könnten. Martin Winterkorn trat am 23. September zurück, die Aktie hatte am 21. September etwa 19 Prozent verloren. Die Kosten liegen laut Medienberichten bei mehr als 30 Milliarden Euro. Gegen Winterkorn wurde in den USA und in Deutschland Anklage erhoben, Rupert Stadler, ehemaliger Audi-Chef, wurde 2023 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
Für den deutschen Markt ist der Diesel seitdem geschrumpft: 2025 lag sein Anteil an den Neuzulassungen bei 13,8 Prozent (395.000 Pkw). Mehr zum Elektro-Umbau im Beitrag zur Elektromobilität in Deutschland.
2019: der ID.3 und der elektrische Baukasten
Der ID.3 wurde im September 2019 auf der IAA gezeigt, die Auslieferung begann im September 2020. Er basiert auf dem Modularen E-Antriebs-Baukasten (MEB), hat 2.765 mm Radstand, 4.261 mm Länge und einen Heckmotor. Mit der Pro-Batterie sind rund 420 bis 430 Kilometer nach WLTP möglich. 2025 war der ID.7 mit 34.563 Zulassungen das meistverkaufte Elektroauto in Deutschland, vor dem ID.3 (31.938).
Wolfsburg heute
Das Werk in Wolfsburg erstreckt sich über rund 6,5 Quadratkilometer und beschäftigt etwa 60.000 Menschen. Im Dezember 2024 einigten sich Unternehmen und Betriebsrat auf einen Abbau von 35.000 Stellen an den deutschen Standorten der Marke Volkswagen bis 2030, nicht nur in Wolfsburg.
Das Wichtigste in Kürze
- VW wurde am 28. Mai 1937 von der Deutschen Arbeitsfront gegründet.
- Die Serienproduktion in Wolfsburg begann am 27. Dezember 1945, bis 2003 entstanden 21.529.464 Käfer.
- Der Golf (1974) rettete VW nach dem Verlust von 807 Millionen D-Mark.
- Der Dieselskandal begann mit der EPA-Mitteilung vom 18. September 2015.
- 2025 kam die Marke VW in Deutschland auf 560.796 Pkw-Neuzulassungen, ein Marktanteil von 19,6 Prozent.
Weiterführende Artikel
- Geschichte der deutschen Autohersteller
- Die Geschichte des Porsche 911
- Warum deutsche Autos dominieren
- Meistverkaufte Autos in Deutschland und Elektromobilität
- Volkswagen im Katalog
Quellen
- Volkswagen Newsroom: 75 Jahre Serienproduktion; Volkswagen Geschäftsberichte.
- History.com: Produktionsende des Käfers 2003.
- KBA, über auto motor und sport, Auto Bild, electrive: Neuzulassungen 2025.
- csmonitor, Euronews: Dieselskandal, September 2015.
- CNN, 1998: Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter.
- germanhistorydocs.org: Pkw-Bestand Westdeutschland.
Was dieser Leitfaden abdeckt
- 01Die Gründung am 28. Mai 1937
- 02Die Sparkarte: kein Auto für die Sparer
- 03Das Werk im Krieg
- 04Wolfsburg nach 1945: Ivan Hirst
- 05Die Käferjahre
- 06Vom Käfer zum Golf: 1974
- 07Die Ära Piëch (1993 bis 2015)
- 08Dieselskandal: was wirklich passiert ist
- 092019: der ID.3 und der elektrische Baukasten
- 10Wolfsburg heute
- 11Das Wichtigste in Kürze
- 12Weiterführende Artikel
- 13Quellen
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